Donnerstag, 22 August 2019
A+ R A-

Arme Sau, wirklich wahr!

Eine arme Sau, dieser Mann, der da Jahre lang von einem bösen Geist geplagt wird. Nicht nur der Name des Geistes ist Legion, Legion ist auch die Literatur darüber, von welcher Krankheit der Mann wohl besessen gewesen sein könnte. Sicher ist: das, was ihn da befallen hat, hat dazu geführt, dass er völlig ausgegrenzt war aus der Gesellschaft: nackt läuft er umher, schreit und tobt offenbar immer wieder – klar, dass keiner mit ihm Umgang haben will, klar, dass er in Grabhöhlen wohnen muss.

Arme Sau aber wortwörtlich auch die Säue, in die der böse Geist flieht, als Jesus ihn austreibt! Was um alles in der Welt können die armen Schweine dafür, dass der Mann da von etwas Bösem besessen ist. Für einen Umweltbeauftragten, der sich gerade mit einer Vortragsanfrage über das Tierwohl in der Schweinemast beschäftigt, ist das eigentlich ein unmöglicher Text. Wie kann Jesus gnädiger zu bösen Geistern als zu den Schweinen sein? „In den Abgrund mit dir!“ – das wäre doch eine saubere Lösung gewesen, bei der kein Schwein hätte sterben müssen.

Natürlich können Sie jetzt einwenden, dass das doch an den Haaren herbei gezogen sei und dass es ja im jüdischen Kontext noch den ganzen Zusammenhang von rein und unrein gebe und da doch der böse Geist gut in die unreinen Schweine passe. Das ist alles richtig. Aber ich möchte diese Heilungsgeschichte heute einfach einmal zum Anlass nehmen, um uns dafür sensibel zu machen, dass es in unserer Tradition Momente gibt, die dazu beigetragen haben, dass wir als Christinnen und Christen und auch als Kirchen über lange Zeit nicht allzu viele Gedanken über das Wohlergehen unserer Mitgeschöpfe gemacht haben.

Sicher gab es Zeiten, wo das vielleicht auch nicht nötig war. Zeiten, in denen Haus- und Nutztiere ganz selbstverständlich zum Leben dazu gehörten, Zeiten, in denen es ein Gebot der Vernunft war, mit seinem Nutztier so umzugehen, dass seine Arbeitskraft erhalten wurde. Zeiten, in denen sich der Mensch eher gegenüber den Naturgewalten und den wilden Tieren behaupten musste als extra Schutzprogramme für Natur und Wild aufzulegen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Heute haben wir so viele technische Möglichkeiten, dass wir Menschen meinen, Natur und Tier beherrschen können – und oft genug auch zerstören. Nutztiere gehören nicht mehr zu unserem Lebensraum dazu, wir erleben sie häufig nur noch als Schnitzel oder Steak im Kühlregal des Supermarktes. Wie sie bis zu ihrer Schlachtung gelebt haben, nehmen wir erst wahr, wenn wieder eine Skandalreportage im Fernsehen läuft.

Die bösen Geister in Schweinen, Rinder und Hühnern sind Legion – auch heute. Nur: heute töten sie nicht gleich, sondern sie führen dazu, dass Tiere unter Lebensbedingungen ihr Dasein fristen, die keinesfalls artgerecht und oft auch mit dem Tierwohl nicht vereinbar sind.

Es ist an der Zeit, dass diese bösen Geister endlich in den Abgrund fahren – und nicht nur der Besessene, sondern auch die Nutztiere wieder einen lebenswerten Platz in unserer Gesellschaft erhalten. Wenn wir unser Fleisch bewusst einkaufen, können wir dazu beitragen. Amen.

 

Lied: Kein Tierlein ist auf Erden, EG 509,1-3