Mittwoch, 22 Mai 2019
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Kein Fall für den (Sperr-)Müll - Schweinfurter Kirchengemeinden starten Repaircafé

Gedämpfte, erwartungsvolle Atmosphäre im sog. „Repair-Café“. Viele, aber keinesfalls laute Gespräche, eher Fachsimpeleien. Von interessierten Neugierigen umlagerte Arbeitstische. Ab und an vernehmbares Klopfen und Bohren im geräumigen Pfarrsaal von St. Anton.

Das alte Radio aus den Sechzigern - besser gesagt seine Besitzerin - muss sich noch etwas gedulden, was aber bei dem Kaffee- und Kuchenangebot nicht schwer fällt. Zudem liegen dort lesenswerte Flyer aus, z.B. „Zehn Tipps zum Spritsparen beim Autofahren“. Sobald ein Basteltisch frei geworden ist, wird die Dame anhand ihrer Laufnummer auf dem Anmeldebogen aufgerufen werden. Was an ihrem Gerät defekt ist, weiß sie also noch nicht. Natürlich könnte Sie sich für billiges Geld ein wunderschönes Neuradio kaufen, aber sie hängt eben an dem Nostalgie-Röhren-Stück. Und zugleich tut sie etwas gegen den Konsumterror und für die Ressourcen dieser Erde.

Repaircafé in WiesbadenEmmi Sengfelder, die Umweltbeauftragte des Evang.-Luth. Dekanates Schweinfurt, hat diesen ersten Repair-Café-Treff zusammen mit Kristina Schmitt, Umweltauditorin von St. Kilian, organisiert. Sie sind echt überrascht vom regen Interesse. Bereits eine Viertelstunde vor der eigentlichen Öffnung begann der Andrang. Sogar aus dem Landkreis Bad Kissingen und dem Dekanat  Bamberg seien einige eigens angereist, nachdem sie darüber in der Presse gelesen hatten. Doch Sengfelder hat nicht nur tüchtig die Werbetrommel gerührt, sondern auch ehrenamtliche, kirchliche Umweltgruppen in Gochsheim, Nieder- und Oberwerrn und Schweinfurt aktiviert und Vernetzungen hergestellt. Ferner sind Fachleute aus Schonungen, Schwebheim und Wipfeld anwesend – sie alle in ganz praktisch gelebter Ökumene.

Sogar Dekan Stefan Redelberger schaut vorbei, um sich ein Live-Bild in „seinem“ Gemeindehaus zu machen und die vortreffliche Organisation wertzuschätzen. Emmi Sengfelder betont: „Es geht um die Sache. Wir wollen für andere Menschen da sein. In unserer Umweltarbeit setzen wir einen Kontrapunkt gegen die Wegwerfmentalität in unserer Gesellschaft. Wir verstehen uns als  Anwälte für die Bewahrung der Schöpfung.“

Defekte Kaffeemaschinen, Toaster, Schallplattenspieler, Fahrräder, nackte Puppen, aufgeschlitzte Teddybären,  – eigentlich müsste dies alles entsorgt werden. Aber an vielem hängt eben die Erinnerung oder aber der Geldbeutel ist nicht so voll, dass sogleich Ersatz gekauft werden kann. Besonders um elektrisch-mechanische Utensilien geht es. Kostenpunkt? Am Ausgang steht eine aus Pappe gebastelte Spendenbox.

Inzwischen läuft das Projekt schon gut drei Stunden und Herr Brüggemann am Anmeldetisch wird, nach über hundert „Kunden“, nun einen Aufnahmestopp verhängen müssen, denn sonst wären die ehrenamtlichen Reparateure bis in den Abend hinein beschäftigt. Die Wartezeit beträgt inzwischen sowieso bis zu einer Stunde. Außerdem müssen hernach die mitgebrachten Spezialwerkzeuge wieder gut verstaut und der Saal saubergemacht werden.

Das nächste Repair-Café wird erst in einem halben Jahr, am 10. Oktober 2015, wieder im Pfarrsaal St. Anton von 10.00-14.00 Uhr öffnen. Für viele sicher ein bisschen spät. Manches kaputte Gerät dürfte dann schon entsorgt sein. Eigentlich schade drum.

Siegfried Bergler